Rede Raphaela Edelbauer

 


Hier finden Sie die Rede der Klagenfurter Stadtschreiberin Raphaela Edelbauer zum Junior Bachmann Literaturwettbewerb 2019:

 

10 bis 13, 14 bis 16 und 17 bis 19, das sind die Altersklassen, in denen heute Preise vergeben werden. Drei sehr verschiedene Lebensabschnitte.

10 bis 13. Ein Augenblick: Als ich 13-jährig durch Zufall die Literatur von Elfriede Jelinek entdeckte, die gerade den Nobelpreis gewonnen hatte, und beschloss, dass das meine Bestimmung und der Nukleus meines Lebens sein würde: Zu schreiben. Ein Augenblick in dem ich, noch das Buch in der Hand begriff, dass ich nichts im Leben so geliebt hatte, wie diese Art von Sprache zu erfahren. Als ich aber verkündete dass ich eines Tages ebenfalls große Literaturpreise gewinnen würde, wurde nur ich mitleidig angeschaut, wie eine liebenswerte, doch verblendete Idiotin.

14 bis 16, ein weiterer Augenblick: Als ich mit 15, um mir für das Schreiben einen eigenen Computer zu kaufen, einen Frühschichtjob bei Ankerbrot annahm, und von 5 bis 8 morgens Semmeln verkaufte – in die Schule ging und um 17 Uhr nach Hause kam, um bis nachts Texte zu produzieren. Nach wenigen Monaten war ich so übermüdet, dass ich auf meinem Fahrrad auf dem Weg zur Bäckerei in Sekundenschlaf fiel – stürzte, und schmerzbedingt beschloss, noch ein paar Sekunden liegen zu bleiben – nur um sofort und mitten neben der Landstraße zu entschlummern. Erst als meine Chefin mich im Straßengraben schlafend fand, wussten wir, dass ich im Interesse der Lebensbewahrung meinen Job beenden musste. Aber  — ich hatte bereits genug Geld, um einen Computer zu kaufen, wurde tatsächlich Schriftstellerin und kann nun jeden Tag ausschlafen.

17 bis 19, ein letzter Augenblick: Als ich 18-jährig an der Angewandten Sprachkunst zu studieren begann und nacheinander als Schuverkäuferin, als Radbotin, als Telefonmarketinansgestellte, am Bau, als Werbetexterin, als Übersetzerin, als Redakteurin, nochmals als Bäckerin, als Nachhilfe sowie als Ausstellungsaufsicht und Mädchen für alles in einem Museum zu arbeiten begann. Ich war zuweilen so arm, dass ich ins nahegelegene kroatische Nachbarschaftszentrum ging, wenn dort eine Hochzeit stattfand, und mich für die Schwester der Frisörin der Braut ausgab, weil ich wusste, dass die großzügen Kroaten mich danach zum Essen einladen würden.

Warum ich diese drei Anekdoten erzähle? Deswegen, weil sie erst jetzt, erst im Nachhinein als Zeichen des Durchhaltevermögens, der Zielstrebigkeit gelten – damals aber zu einer Reihe von Neins führten, die die Welt mir entgegenwarf.

Nein, du kannst keine Schriftstellerin werden, davon kann man nicht leben.

Nein, deine Sätze sind zu lang.

Nein, du solltest nicht Kunst, sondern etwas Anständiges studieren.

Nein, nein, nein, von allen staatlichen Stellen, bei denen ich um Förderung ansuchte.

Nein von drei Verlagen, nein von den Menschen um mich. Nein zu meinen Stil, nein zum Wunsch nach Unabhängigkeit, nein dazu dass ich aus zehn Studentenjobs geworfen wurde, weil ich unter dem Verkaufstisch ein Notizbuch liegen hatte, das Zentrum meiner wirklichen Ziele.

Augenblicke sind niemals etwas Eindeutiges – sie werden nach dem interpretiert, was danach kommt, ihre Bedeutung bemisst sich an einer Einbettung ins ein ganzes Leben – und egal was ihr später tun wollt oder werdet; eines wird gleich wichtig bleiben:

Die Fähigkeit, euch entgegen der vielen Neins zu stellen, mit denen die Welt euch konfrontiert. Im Gegensatz zur gängigen Meinung, wird dies nicht zu eurem Verderben führen, sondern dazu, dass ihr Möglichkeiten abseits der ausgetretenen Wege findet und Probleme vorwegnehmt, von denen wir noch gar nicht wissen, dass wir sie haben. Augenblicke ist das Thema des diesjährigen Literaturwettbewerbs: Doch ein Augenblick sieht, während man in ihm lebt, nicht immer so aus, wie von hinten gesehen: Während ich zur Zeit ihres Durchlebens ausgelacht wurde – während meine Verwandten mir nach dem Vorfall mit dem Fahrrad sagten, ich würde mich für eine Illusion, die niemals wahr werden würde, umbringen – drucken heute die Zeitungen Geschichten wie diese, um meinen jahrzehntelangen Einsatz zu loben.

Ich weiß nicht, ob es unter den Anwesenden jemanden gibt, der Schriftsteller werden will, aber darum geht es auch nicht direkt – es geht um all jene von euch, die sich im Leben trauen werden, etwas anzustreben, für das das Establishment die Worte „so nicht“ findet. In diesen Augenblicken standhaft zu bleiben wird essenziell für jene von euch werden, die sich den Problemen widmen wollen, für die die sogenannten Erwachsenen, zu denen ich nun unglücklicherweise auch gehöre, noch keine Lösungen haben: Für eine rasant sich steigernde Verheizung unseres Planeten, der Unmenschlichkeit eines sich radikalisierenden politischen Klimas – eines sozialen Klimawandels, wenn man so will – den Plastikpatches in den Ozeanen, drängenden Fragen der Digitalisierung und Privatssphäre, und und und: Ihr alle werdet in eurem Leben mehr Neins hören, als ihr zählen könnt.

Wenn euch die Rationalen, die in Wirklichkeit nur die Verängstigten sind, ihre scheinbar plausiblen Rechnungen vorkalkulieren, denkt daran, was mir gesagt wurde, als ich in eurem Alter war: Dass von 1000 Schreibenden nur 50 jemals etwas veröffentlichten, hat man mir gesagt – und dass von diesen 50 nur zehn damit etwas verdienen, dass wiederum von diesen zehn nur zwei davon leben können, und dass von diesen zwei vielleicht überhaupt nur einer sich über die Zeiten erhalte. Was man mir nicht gesagt hat ist jedoch, dass das alles irrelevant ist, wenn man eben dieser eine ist – und dass einer ab und an ausreicht, um den entscheidenden Ausschlag zu geben – für einenotwendige Veränderung, für ein großes Werk, für den kleinsten Akt der Menschlichkeit, für den es nötig ist, im Richtigen Augenblick eie Nein zu verwerfen und es mit einem kräftigen Doch zu parieren.  

Seid unvernünftig, seid illusorisch, sucht Utopien – denkt nicht nur innerhalb jener Texte, die wir heute gehört haben, und die zu Recht von der Jury prämiert wurden, in Fiktionen – sondern beginnt euch selbst die unmöglichsten Geschichten von eurem Leben und einer besseren Welt zu erzählen – und dann realisiert sie.

Ich fühle mich geehrt am heutigen Tag eine Rede nicht nur für die Preisträger der Juniorbachmannpreises halten zu dürfen, sondern für eine mutigere Zukunft zu plädieren – einer, die sich von einem Nein nicht entmutigen lässt, sondern von einem Ja inspirieren – in diesen Augenblicken und in allen, die noch folgen werden.


Raphaela Edelbauer ist eine österreichische Autorin. Sie wurde 1990 in Wien geboren. Nach der Matura studierte sie Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst unter Robert Schindel. 2008 Vortrag beim Ludwig-Wittgenstein-Symposium. Ab 2009 Veröffenlichungen in Literaturmagazinen, Anthologien sowie Lesetätigkeit und Auftritte bei Literaturfestivals. Immer wieder Auftragsarbeiten, u.a. für die Stadt Mödling oder das Frauenministerium. Im Mai 2017 Premiere der Extremperformance Literazah, mit weiteren Terminen u.a. in Berlin.

Im Februar 2017 Veröffentlichung ihres Debüts „Entdecker“ bei Klever, illustriert von Simon Gortitschnig, dafür Gewinn des Hauptpreises der Rauriser Literaturtage für das beste deutschsprachige Prosadebüt. Sie war 2017 Stipendiatin des Deutschen Literaturfonds.

2018 Teilnahme am Bachmannpreis und Gewinn des Publikumspreises. Ihr Roman „Das Flüssige Land“ erscheint 2019 bei Klett-Cotta.

 

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